Schlechter Lohn für harte Arbeit, auch das gehört zur Wahrheit der reichsten Tech-Konzerne der Welt. Während Facebook-Mutterkonzern Meta Milliarden-Gewinne einstreicht und einen Teil seiner direkten Angestellten fürstlich bezahlt, bekommen weniger privilegierte Beschäftigte vom Kuchen nur Krümel ab.
Content-Moderator*innen schauen sich für Plattformen wie Facebook und Instagram die verstörendsten Inhalte an. Sie tun das, damit wir es nicht tun müssen. Sie halten uns allen den Rücken frei, damit wir im Internet eine möglichst gute Zeit haben. Oft sind sie bei Drittanbieter-Unternehmen beschäftigt, klagen über geringe Bezahlung und unzureichende psychologische Unterstützung.
Ihre Arbeit wird oft unsichtbar gemacht. Die Autor*innen Mary Gray und Siddharth Suri beschreiben das in ihrem gleichnamigen Buch sogar als Ghost Work, Geisterarbeit. Diese Arbeit gilt als gering qualifiziert, dabei ist sie in Wahrheit kognitiv und psychisch anspruchsvoll: Sie erfordert eine enorme Auffassungsgabe und eine Menge Resilienz.
In Deutschland arbeiten insgesamt etwa 5.000 Content-Moderator*innen, wie tagesschau.de berichtet. Einer von ihnen ist Cengiz Haksöz, der in Essen für die Firma Telus International Inhalte moderiert hat. Telus International habe in Essen laut Verdi 1.800 Beschäftigte. Auf Anfrage erklärt ein Verdi-Sprecher: In Deutschland moderiert Telus Essen im Auftrag von Facebook und Instagram Inhalte.
Wahlvorstand darf Firma nicht betreten
Am 14. Juni hat Haksöz bei einem Fachgespräch im Bundestag über seine Arbeitsbedingungen berichtet. Auch mit Journalist*innen hat er gesprochen. „Das Schwierigste ist, dass man wieder und wieder schlimme Dinge sieht – Enthauptungen zum Beispiel oder der Missbrauch von Kindern“, sagte er etwa der ARD.
Zugleich ist Haksöz bei Telus International der gewählte Vorsitzende des Wahlvorstands. Das heißt: Die Angestellten haben ihm mit ihren Stimmen den Auftrag gegeben, die Wahl ihres Betriebsrats zu organisieren. Der Betriebsrat ist die demokratische Interessenvertretung von Arbeitnehmer*innen. Seiner Pflicht als Wahlvorstand kann Haksöz aktuell aber schwerlich nachgehen. Wie das Unternehmen auf Anfrage bestätigt, ist Haksöz bis auf Weiteres von der Arbeit freigestellt und ihm wurde verboten, die Firmenräume zu betreten. Das heißt, auch das Büro des Wahlvorstandes ist für ihn tabu.
Telus International schreibt auf unsere Presseanfrage, all das habe „nichts mit der Betriebsratswahl zu tun“. Die Wahlen hätten „die volle Unterstützung von Telus International und werden wie geplant stattfinden“. Was aber ist dann der Grund für die harten Maßnahmen gegen Haksöz? Hierzu schreibt das Unternehmen, der Angestellte habe Vereinbarungen gebrochen; deshalb habe man eine interne Untersuchung eingeleitet. Die von Haksöz erhobenen Vorwürfe hätten nicht korrekt die Realität des Unternehmens dargestellt, etwa, wie man sich um die Gesundheit der Angestellten kümmere.
Eine Meta-Sprecherin schreibt auf Anfrage: Meta verlange von Sub-Unternehmen, dass sie Angestellte etwa durch geschulte Fachkräfte und Resilienz-Trainings unterstützen. Außerdem „glaube“ Meta, es sei wichtig, dass Sub-Unternehmen das Recht auf die Gründung von Betriebsräten nicht behindern.
Frontalangriff auf die Demokratie
Verdi bezeichnet das Vorgehen von Telus International als Union-Busting. So nennt man es, wenn Arbeitgeber*innen verhindern oder stören, dass Arbeitnehmer*innen ihr Recht auf Interessenvertretung ausüben. Verdi-Vorstandsmitglied Christoph Schmitz nennt das Vorgehen „nicht nur illegal, sondern auch eine Missachtung der Demokratie“. Die Gewerkschaft prüfe rechtliche Schritte, etwa eine Anzeige wegen Behinderung der Betriebsratswahl.
Das Wort „Missachtung“ ist noch zu brav, um die Vorgänge zu beschreiben. Selbst wenn es tatsächlich keinen kausalen Zusammenhang zur Wahl gibt und Haksöz so oder so freigestellt worden wäre: Die Wirkung ist katastrophal.
Einen gewählten Wahlvorstand aus dem eigenen Büro auszusperren, das ist ein Frontalangriff auf die Demokratie. Arbeitnehmer*innen haben ein Recht auf eine Interessenvertretung, genauso wie sie ein Recht auf Urlaub haben. Dieses Recht ist nicht verhandelbar. Es schwächt potenziell alle Arbeitnehmer*innen, wenn Unternehmen Betriebsräte behindern und damit durchkommen. Das sollte niemandem egal sein. Wer als Manager:in auch nur den Eindruck erweckt, Arbeitnehmer*innen-Rechte zu verletzen, sollte um Entschuldigung bitten und sein Verhalten ändern.
Ob das Verhalten von Telus International in Bezug auf Haksöz juristisch einwandfrei ist, lässt sich noch nicht beurteilen. Hier argumentieren das Unternehmen und die Gewerkschaft gegenläufig. Ohne Zweifel sendet das Unternehmen aber ein fatales Signal. Einerseits an die Belegschaft, andererseits an die Öffentlichkeit. Es lautet: Wir wollen nicht, dass Arbeitnehmer*innen ihre Rechte ausüben können.
Betriebsräte machen Unternehmen besser
Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, wie Unternehmen mit der Gründung eines Betriebsrats umgehen können: eine geschickte und eine falsche. Wer es geschickt anstellt, lässt seine Angestellten einfach machen und legt damit den Grundstein für eine gute Zusammenarbeit. Jeder Störungsversuch vergiftet den Betriebsfrieden. Es wird Teile der Belegschaft geben, die einem das nie verziehen – und zwar zu Recht. Betriebsräte bringen nicht etwa Chaos und Willkür in ein Unternehmen, im Gegenteil. Ihre Arbeit folgt dem verblüffend Willkür-fernen Betriebsverfassungsgesetz.
Im besten Fall kann der Betriebsrat helfen, dass Angestellte sich gehört fühlen, weil sie auch gehört werden. Unternehmen können davon profitieren. Sie bekommen Unmut in der Belegschaft besser mit. Sie können der Belegschaft selbst unpopuläre Entscheidungen besser vermitteln, wenn der Betriebsrat im Rahmen seiner Rechte involviert war. Denn die Angestellten wissen dann: Hier hat sich jemand für unsere Interessen eingesetzt; mehr ließ sich leider nicht rausholen.
Wer es falsch anstellt, bekämpft einen Betriebsrat wie einen Eindringling. Es ist vor allem die radikale Konfrontation durch den Arbeitgeber, die eine Betriebsrats-Gründung zu einer schlimmen Situation macht. Dem Wahlvorstand den Zugang zur Firma zu verbieten – wie nun im Fall von Telus International geschehen – das erweckt den Eindruck radikaler Konfrontation. So etwas bringt unnötig Stress, Schweiß und schlaflose Nächte für alle Beteiligten.
Enorme Courage und Solidarität
Einen Betriebsrat zu gründen ist immer eine Belastung. Alle Augen im Unternehmen richten sich zunächst auf den Wahlvorstand. Früher war man einfach ein Angestellter, plötzlich steht man im Mittelpunkt. Der Autor dieses Kommentars spricht hier aus eigener Erfahrung und sollte an dieser Stelle offenlegen, selbst Verdi-Mitglied zu sein.
Wer eine Wahl im Wahlvorstand organisiert oder selbst für einen Betriebsrat kandidiert, der wird vermutlich viele Gedanken wälzen. Wird der Arbeitgeber mir künftig das Leben schwer machen? War’s das jetzt mit Beförderungen oder Gehaltserhöhungen? Kann ich noch Karriere machen? Ist es all das wert? Es zeugt von enormer Courage und Solidarität, wenn jemand die Initiative ergreift und sich für die Rechte von Kolleg*innen in einem Unternehmen einsetzt.
Die Maßnahmen von Telus International gegen den Wahlvorstand befeuern nun mit Karacho eine Art Streisand-Effekt. So nennt man es, wenn man versucht, etwas Unliebsames zu unterdrücken, und damit nur noch mehr negative Aufmerksamkeit erzeugt. Die Betriebsratswahl bei Telus International hätte eine Randnotiz bleiben können. Jetzt berichten selbst große Nachrichtenmedien wie die Tagesschau oder das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Denn eine mutmaßliche Behinderung von Betriebsratsgründungen hat Nachrichtenwert. Vor allem, wenn ein Wahlvorstand zuvor im Bundestag über seine Erfahrungen in der Branche berichtet hat.
Sogar aus dem Bundestag bekommt Telus International jetzt Gegenwind. „Dass die Stellungnahme in einer Ausschusssitzung des Deutschen Bundestages zu beruflichen Nachteilen führt, ist ungeheuerlich“, sagte die Vorsitzende des Digitalausschusses, Tabea Rößner (Grüne) laut RND. „Wer Erkenntnisgewinn und Beratungen des höchsten Verfassungsorgans Deutschlands behindert, missachtet die Demokratie“. Sie hat das Unternehmen in einem Schreiben aufgefordert, Stellung zu beziehen.
Diese Menschen arbeiten für uns alle
Kritik an Telus International kommt auch von der gemeinnützigen Organisation Superrr Lab aus Berlin. Verdi zitiert hierzu Geschäftsführerin Julia Kloiber: „Über Jahre wurde im Bereich der Content-Moderation eine Kultur der Angst und Geheimhaltung etabliert“. Der Fall von Cengiz Haksöz zeige: „Die Konzerne halten weiter an dieser Kultur fest und versuchen, Content-Moderator*innen einzuschüchtern und vom Gebrauch ihrer Rechte abzuhalten“. Um den öffentlichen Druck zu erhöhen, haben Verdi, Superrr Lab und Foxglove eine Petition gestartet, die sich an Telus International richtet.
Hier geht es nicht nur um ein Unternehmen, das sich bei der eigenen Betriebsratswahl das Leben unnötig schwer macht. So etwas passiert immer wieder. Auch darüber hinaus ist der Fall von besonderem öffentlichen Interesse. Denn Content-Moderator*innen schaffen nicht nur eine möglichst familienfreundliche Umgebung, damit Tech-Konzerne ihre Werbeanzeigen schalten können.
Sie schaffen zugleich Räume für digitale Öffentlichkeit, Austausch und Teilhabe. Manchmal sind diese Räume trotz Content-Moderation schwer auszuhalten, manchmal sind sie ganz wunderbar. Insofern arbeiten diese Menschen für uns alle. Das Schicksal der Beschäftigten von Telus International sollte uns deshalb auch alle angehen, sie haben unsere Solidarität verdient.
Die Wahl des Betriebsrats bei Telus International soll der Gewerkschaft zufolge im Juli stattfinden.
Update, 23. Juni, 16:30 Uhr: Wir haben das Statement von Meta ergänzt.
Update, 30. Juni, 13:50 Uhr: Wie die Gewerkschaft Verdi mitteilt, darf der betroffene Content-Moderator inzwischen wieder das Büro betreten. Arbeitgeber Telus International hat das per E‑Mail bestätigt.
